16.07.2026
"Sieben magere Jahre - Wie kann Deutschland wieder in Schwung kommen?"
Prof. Dr. Peter Bofinger, Seniorprofessur für VWL, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen, Universität Würzburg
Bei der letzten Veranstaltung des Aktionskreises für Kultur, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft e.V. vor der Sommerpause stand der Themenkomplex Wirtschaft auf der Agenda. Vorsitzender Tobias Kurzmaier konnte dazu mit Prof. Dr. Peter Bofinger einen kompetenten Referenten gewinnen. Der Titel seines Vortrags lautete "Sieben magere Jahre - Wie kann Deutschland wieder in Schwung kommen?" Prof. Dr. Peter Bofinger lehrt seit 1992 an der Universität Würzburg als Professor für Geld- und internationale Wirtschaftsbeziehungen; seit 2020 als Seniorprofessor. Im Zeitraum von 2004 bis 2019 beriet er als eines von fünf Mitgliedern des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung die Bundesregierung in Wirtschaftsfragen (Fünf Wirtschaftsweise). Der Rat übergibt der Bundesregierung jährlich ein Gutachten, in dem er die Wirtschaftsentwicklung schildert und aktuelle wirtschaftspolitische Fragestellungen beleuchtet. Darüber hinaus erstellt der Sachverständigenrat Sondergutachten und Expertisen zu ausgewählten Themen. Peter Bofinger ist in der Geschichte des Rats mit 15 Jahren das Mitglied mit der längsten Amtszeit. Er ist u.a. Research Fellow am Center for Economic Policy Research, London, und Mitglied des Institute for New Economic Thinking (INET), New York.

Peter Bofinger führte aus, dass die Wirtschaftsleistung in Deutschland heute nicht höher als im Jahr 2019 ist. Dies ist Bofinger zufolge nicht allein auf die Krisen seit 2020 zurückzuführen, da andere EU-Länder seit 2019 positive Wachstumsraten erzielen konnten. In der öffentlichen Diskussion werden eine überbordende Bürokratie, mangelnde Reformen, zu hohe Steuern und eine zu geringe Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer als Hauptursachen der Misere genannt, so der Würzburger Professor und weiter: "Dabei wird jedoch übersehen, dass es tieferliegende Probleme gibt: das deutsche "Geschäftsmodell" mit Export, Industrie und Automotive trägt nicht mehr." Bofinger stellte mehrere Fragen in den Raum: Was kann die Politik tun, um die notwendige Transformation zu bewirken? Ist es zutreffend, wenn Bundeswirtschaftsministerin Reiche glaubt, die Wirtschaft mit den Rezepten von Ludwig Erhard "therapieren“ zu können? Oder sollte man den Blick nach China richten, wo es mit einer umfassenden industriepolitischen Strategie gelungen ist, neue Technologien zu entwickeln und so innovative Produkte erfolgreich auf dem Weltmarkt zu platzieren? (Die Folie im Hintergrund enthält einen Tippfehler: es muss Rente mit 67 1/2 statt 65 1/2 heißen.)

Der langjährige Wirtschaftsweise legte während seines einstündigen Referats den Finger immer wieder in die Wunde und verdeutlichte, welche Probleme Deutschland aus seiner Sicht hat und welche nicht? Als nicht das größte Problem betrachtet Bofinger die Staatsverschuldung. Deutschland hat laut IWF innerhalb der G7-Staaten mit 64,6 % (2025) die geringste. Als eines der größten Probleme nannte Peter Bofinger, dass Deutschland mit der Transformation nicht klarkommt: "In Deutschland fehlen digitale Plattformen, in ganz Europa fehlt die digitale Kompetenz." Die aktuellen Reformen der Bundesregierung sind Bofinger zufolge "zum Vergessen". Ihre Wirkung werden sie, wenn überhaupt, in Jahren bzw. Jahrzehnten entfalten, aber nicht in naher Zukunft, so der Professor. "Die Rentenreform bringt die nächsten Jahre gar nichts, sie ist irrelevant." Als weiteres Problem verwies Bofinger auf den europaweit hohen Krankenstand deutscher Arbeitnehmer(innen). Mit 18 Tagen im Schnitt sind die Deutschen am Längsten krank. Die von der Bundesregierung geplante Einführung der Krankschreibung ab dem ersten Tag wird daran laut Bofinger "gar nichts ändern". Scharf kritisierte der Ökonom ebenso, dass die Bundesregierung trotz Milliarden-Sondervermögens viel zu wenig Geld für Forschung und Entwicklung, v.a. im Bereich der Künstlichen Intelligenz, in den kommenden Jahren ausgibt. Er forderte eine "andere Prioritätensetzung". Als richtige Entscheidungen wertete Bofinger u.a. die geplante Streichung der Minijobs, die 2.000 Euro-Steuerfreiheit bei der Aktivrente, die Rente mit 67 ab 2031 (und dann alle zehn Jahre ein halbes Jahr mehr, allerdings nur bei steigender Lebenserwartung) und die 2% Zusatzbeitrag für die Kapitaldeckung.

In der anschließenden Diskussion mit den anwesenden Mitgliedern ging es teils ungewöhnlich kontrovers zu. Einige Wortbeiträge widersprachen Prof. Bofinger deutlich und kritisierten an seinen Ausführungen zu viel Theorie und zu wenig Praxis(erfahrung).

v.l.n.r. Tobias Kurzmaier (Vorsitzender), Gabriele Appel (Beirat), Prof. Dr. Peter Bofinger, Christina Ludwig (Schriftführerin), Hermann Harbeck (Beirat), Andreas Goppel (Beirat)